Pascal Mennen: Rede zur Reform der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe (Antrag CDU)
TOP 34 Antrag (CDU) zur Reform der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe
- Es gilt das gesprochene Wort -
Mit diesem Antrag pflegt die CDU ihren rückwärtsgewandten Status. Ihr Antrag "orientiert sich an dem ewig Gestrigen" und "ignoriert die Realitäten einer zeitangemessenen Bildung, wie sie von der Kultusministerkonferenz formuliert wurde“ - so formuliert es ein Verband in seiner Stellungnahme; "Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten" attestiert ihnen ein weiterer Verband.
Beide Verbände loben indes unisono den konstruktiven Prozess, die umfassende Zusammenarbeit bei dieser Reform und attestieren ihr bundesweit Vorbild-Charakter.
Ich kann mich vor lauter Staunen gar nicht richtig über Ihren Antrag ärgern. Was für ein Fehltritt. Sie fordern, etwas zu stoppen, was noch nicht da ist. Sie "begründen" das mit teilweise kruden Behauptungen. Sie legen keinerlei, wirklich null eigene Ideen oder gar konkrete Vorschläge auf den Tisch.
Ich konzentriere mich im Folgenden auf eine kleine Auswahl der größten CDU-Irrtümer in diesem Antrag.
Sie werfen uns vor, die sprachliche und interkulturelle Bildung zu konterkarieren und dichten eine Einschränkung des Sprachangebots herbei.
Fakt ist aber: Schüler*innen in Niedersachsen lernen die zweite Fremdsprache länger als nach KMK-Vorgaben notwendig, denn wir fangen hier schon in Klasse 5 damit an und die Schulen in Niedersachsen werden entsprechend weiterhin (!) ein breites Fremdspracheangebot machen.
Die vermeintlich neuen Wahlmöglichkeiten im Bereich B, also den Fächern Geschichte, Politik-Wirtschaft und Erdkunde stilisieren sie zum Demokratie-Untergang hoch, verbinden die Wahlfreiheit für die vielen Schüler*innen mit dem Ende einer Wirtschafts-Kompetenz und garnieren das Ganze mit einem "verfassungsrechtlichen" Gebot.
Fakt ist aber: Die Reduzierung der politischen Bildung auf ein einzelnes Unterrichtsfach ist unredlich, verkürzt gedacht und ignoriert die enorme Bedeutung der anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Ich bin ausgebildeter Erdkundelehrer, habe auch Geschichte und Politik unterrichtet. Ich mache es für Sie jetzt extra bespielhaft: der Angriff Trumps auf Venezuela, die Sperrung der Straße von Hormus; geopolitische Ereignisse und Fragestellungen im Zusammenhang mit Ressourcen werden im Erdkundeunterricht standardmäßig aufgenommen. Die Schüler*innen meines Oberstufen-Erdkunde-Kurses mussten für diese politische Bildung aber aufgrund der aktuellen Regelungen alle zwei Stunden pro Woche länger in der Schule bleiben als ihre Mitschüler*innen.
Die Gleichberechtigung der drei Fächer ist überfällig und ein riesiger Gewinn; und laut KMK auch geboten.
Sie schreiben, Schulleitungen hätten Kritik geübt.
Fakt ist: Hier äußert sich der Schulleitungs-Verband in einem Fazit: "Vor diesem Hintergrund stellt sich der SLVN ausdrücklich hinter das Ergebnis der Oberstufenreform, noch mehr aber hinter den Prozess, den die MK-Verantwortlichen mit viel Expertise, Weitblick und Offenheit gestaltet haben." Denn das scheinen Sie hier ebenfalls zu vergessen. Es handelt sich um eine Einigung aller Bildungsverbände. Und Sie als CDU meinen es nun besser zu wissen, indem Sie wohlfeil die Einzelinteressen von Fachgruppen vertreten.
Sie gehen sogar so weit, dass Sie von einer Gefährdung Niedersachsens als Wissenschafts- und Technologie-Standort sprechen. Ich frage: Haben Sie mal mit Ihren Kolleg*innen in NRW gesprochen? Zum Beispiel der Bildungsministerin von der CDU?
Vor einem solchen Gespräch sollten sie wissen: PoWi ist dort nicht verpflichtend, der Fokus liegt ebenfalls auf Abdeckung des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfelds. Die Fremdsprachenregelung ist quasi identisch.
Stupeo - würde der Lateiner sagen -:„Ich bin verblüfft" ob Ihrer wortgewaltig formulierten, aber inhaltlich wachsweichen Kritik an einer Reform, die es noch nicht einmal richtig gibt und es freut mich, dass eine Vielzahl an Verbänden Ihren Antrag in der Luft zerrissen hat, bevor er wiederum das Licht der Welt erblicken konnte.